Lebenspartner von Familienunternehmern

Lebenspartner von Familienunternehmern *


Ehe- bzw. Lebenspartner von Familienunternehmern haben in Unternehmerfamilien eine oft völlig unterschätzte Rolle, Funktion und Bedeutung, denn nicht selten werden sie aus Angst vor einer zunehmenden Komplexität der Familiendynamik geradezu negiert und in der Unternehmerfamilienpraxis und sogar auch in der Familienunternehmensforschung wenig beachtet. Nichtsdestotrotz haben sie eine große und relevante Bedeutung für den Fortbestand von Familienunternehmen.

Mindestens zwei Aspekte sind dabei wesentlich: Die Angeheirateten übernehmen eine sehr wichtige Rolle bei der Erziehung der nächsten Generation und sind oft auch ein (verborgenes) Back-up und Sparring-Partnerinnen der Familienunternehmer.

Die Rolle der Erzieherin
Obwohl sich die alten Rollenbilder von der Mutter am Herd und dem Vater im Dienst langsam auflösen, herrschen gerade in Unternehmerfamilien häufig noch die traditionellen Muster, zumal von vielen Unternehmern nach wie vor der volle zeitliche und auch mentale Einsatz gefordert ist, wenn sie ihr Unternehmen erfolgreich führen wollen.



Fallbeispiel:
Erst kürzlich berichtete mir ein Unternehmer, er würde sich um die Nachfolge in seinem Unternehmen keine Sorgen machen. Denn seinen Kindern würden von klein auf die entsprechenden Werte vermittelt. Werte wie: Leistungsbereitschaft, Mut zur Entscheidung, Flexibilität, Durchsetzungswille, Frustrationstoleranz.


Wenige Wochen später traf ich zufällig seine Frau. Im Laufe des Abends erzählte sie verschiedene Kleinigkeiten, Ansichten oder stellte einfach Tatsachen fest – alles ganz unspektakulär, alles ohne Harm und Frustration, sondern fröhlich und zutiefst sympathisch.


Manches davon gebe ich hier nun gestrafft und geordnet wieder:

Sie sei aus einem Lehrerhaushalt und habe selbst Grundschullehrerin werden wollen. Dann habe sie sich aber in ihren Mann verliebt und jung geheiratet. Zwar sei sie etwas irritiert gewesen, als ihre Schwiegereltern einen Ehevertrag verlangten. Aber da sie mit dem Unternehmen sowieso nichts zu tun haben und auch nicht so aussehen wollte, als habe sie ihren Mann nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung geheiratet, war für sie alles in Ordnung.
Bald hatte sie drei Kinder und war mit Wickeln, Trostlieder singen, Brei füttern u. ä. voll beschäftigt.
Ihr Mann sei seit je her wenig zu Hause, was sie anfangs fast zur Verzweiflung gebracht habe, zumal im elterlichen Lehrerhaushalt der Vater nachmittags immer zu Hause war. Ihr Mann arbeite täglich meist 12 Stunden, auch samstags. Außerdem sei er viel im Ausland. So habe sie die Kindererziehung alleine in der Hand, was für sie zwar manchmal schwierig aber in Ordnung sei, da sie ja sowieso Grundschullehrerin hätte werden wollen und Kinder liebe. Da verlasse sich ihr Mann auch ganz auf sie.
Ihr Mann berichte zu Hause wenig vom Unternehmen, da er dann, wenn er schon mal daheim ist, ausspannen möchte, was sie auch verstehe. Auch gehe sie das Ganze ja sowieso nichts an. Als Angeheiratete dürfe sie weder im Unternehmen arbeiten noch Gesellschafteranteile besitzen. So war sie auch nie auf Gesellschafterversammlungen oder bei Betriebsfesten – dazu sei sie weder eingeladen noch habe sie mit den Kindern für so etwas Zeit. Es herrsche bei ihnen eine klare und bewusste Trennung von Familie und Unternehmen, was sie gut fände.
Und auch zu den anderen Mitgliedern der Unternehmerfamilie gebe es keinen intensiven Kontakt. Man habe zwar nichts gegeneinander, aber sehr befreundet sei man auch nicht, zumal in der Familie ihres Mannes manchmal etwas skurrile Vorstellungen herrschen würden.
Als Lehrerstochter war sie beispielsweise vollkommen gleichberechtigt mit ihrem Bruder aufgewachsen. Deshalb konnte sie folgendes nicht nachvollziehen und sie ärgere sich immer noch: Ihre erste Tochter war drei Jahre alt, als ihr Sohn geboren wurde. Sofort kamen alle Verwandten zu Besuch und lobten laut und voller Freude, wie wunderbar es sei, endlich einen Stammhalter zu haben. Während dessen saß die Tochter mit traurigem Gesicht auf der Treppe und sagte: ‚Mami, ich bin doch auch da‘!

Beide Ehepartner sind sich offensichtlich einig, dass sie ihre Aufgaben gut aufgeteilt haben (jeder macht das, was er am besten kann), dass sie ihr Leben so leben, wie sie es leben wollen, und dass die Kinder gut geraten und später einmal das Unternehmen übernehmen werden.

Wenn ich nun trotz dieser optimalen Voraussetzungen daran zweifle, so stehe ich mit ziemlich unmöglichen Unkenrufen da.

In meinen Augen wird aber immer wieder verkannt, dass die Mutter die entscheidende Rolle bei der Erziehung des Nachwuchses zum Unternehmer hat, zumal dann, wenn der Vater wie so oft kaum zu Hause ist. Wie aber soll eine Lehrerstochter, die selbst keine Beziehung zum Unternehmen hat, ja geradezu bewusst davon ausgeschlossen wird, den Kindern eine positive Nähe zum Unternehmen vermitteln und sie zu Unternehmensnachfolgern erziehen? Das ist schier unmöglich, und bestimmt kein böser Wille, wenn es nicht klappt. Hinzu kommt, dass die Kinder fühlen, wie die Mutter das Unternehmen in gewisser Weise als Konkurrenz empfindet, da sie mit ihm um die knappe Zeit des geliebten Mannes buhlen muss und sogar im Zweifelsfall hintan zu stehen hat. Sie muss ständig gegen das Muster aus ihrer Herkunftsfamilie ankämpfen, in der der Vater auch wochentags am Nachmittag viel zu Hause war. Darüber hinaus bekommen die Kinder von der Mutter unbewusst eher die Werte vermittelt, die der Grundschullehrerin anstehen: Nachsicht mit und Förderung der Schwachen, Toleranz, Gleichberechtigung ohne Vorbedingungen. Als Unternehmer benötigt man aber Leistungswille, Wettbewerbsdenken, Akzeptanz der Ungleichheit etc. Den Kindern wird von der Mutter etwas anderes vorgelebt. Und so kann der Vater zwar die Unternehmereigenschaften von seinen Kindern verbal einfordern, die Realität wird ihn spätestens dann einholen, wenn die Nachfolge ansteht.

Die Rolle des Back-ups
Es gibt Wissenschaftler, Künstler und besonders viele Unternehmer, deren Schaffenskraft unerschöpflich zu sein scheint und die so extrem effizient agieren und so vieles anstoßen, bewerkstelligen und realisieren, dass die Vermutung nahe liegt, deren Tag habe 48 und nicht 24 Stunden.

Bei genauerer Betrachtung ist es auch so. Denn hinter beinahe jedem dieser Männer (und solche sind es in der Regel) steckt eine Frau, die ihm nicht nur den Rücken von lästigen Alltagspflichten freihält, sondern die ihm sogar mit all ihrer Kraft (meist un- oder unterbezahlt) zuarbeitet. Dabei steht sie oft völlig unbeachtet im Hintergrund. Eine solche Frau kann dabei mehrere Funktionen haben: Sie ist zum einen Eingeweihte und kennt alle geheimen und (noch) nicht veröffentlichten Ideen, Konzepte und Neuerungen, sie ist also Sparring-Partnerin bei allen kreativen Überlegungen. Zum zweiten ist sie aber auch graue Eminenz, denn sie ist maßgeblich an allen Entscheidungen im Hintergrund beteiligt und hat nicht selten sogar das ausschlaggebende Letztentscheidungsrecht, wenn auch ohne verbrieftes Mandat. Zum dritten ist sie dabei gleichzeitig auch Lakai und erledigt alle lästigen Routinearbeiten, die zwar getan werden müssen, die aber in der Regel wenig inspirierend sind und dem Mann nur Zeit stehlen würden. Damit stehen der Figur im Vordergrund also tatsächlich die Kraft von zwei Leben und damit 48 Stunden am Tag zur Verfügung.

Nun gibt es immer wieder Beispiele dafür, dass genau solche Frauen aus dem Hintergrund die Aufgaben des Mannes übernehmen, wenn dieser plötzlich und unerwartet ausfällt. Sie führen dann das Unternehmen weiter, vollenden das wissenschaftliche Lebenswerk des Mannes oder engagieren sich für den künstlerischen Auftrag des Ehemannes. In der Eigenwahrnehmung ist es in der Regel für sie selbst nur eine organische Fortführung dessen, was sie sowieso schon über Jahre hinweg taten. Für die Umwelt scheint es allerdings so, als ob da eine Frau ‚plötzlich Chefin‘ geworden sei. Sie war es allerdings schon vorher, wenn auch nur im Hintergrund und ohne offizielle Funktion und Position. Und genau, weil sie eigentlich keine wirklich neue Aufgabe übernimmt und lediglich fortführt, was sie seit Jahrzehnten tut, kann und weiß, ist sie dann oft auch sehr erfolgreich.

In diesem Sinne kommt den Lebenspartnerinnen von Familienunternehmern eine wesentliche Rolle bei der Sicherung des Fortbestands des Familienunternehmens zu. Diese Rolle können sie aber nur gut ausfüllen, wenn sie offen und transparent am Familienunternehmen beteiligt werden, sie gut informiert sind und eine Nähe zum Unternehmen zugelassen wird und nicht aus Furcht vor einer zu komplexen Familiendynamik außen vor gehalten werden.




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* Nach wie vor ist die überwiegende Mehrheit der Familienunternehmer männlich und die (angeheirateten) Lebenspartner weiblich, weshalb im folgenden Beitrag auch diese Rollenbilder im Vordergrund stehen und bedient werden. Selbstredend ist aber trotzdem jeweils immer auch die weibliche Familienunternehmerin und der männliche Angeheiratete mitgedacht.

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