Erbfolgeregelungen

Erbfolgeregelungen bei Unternehmerfamilien


Wenn Vermögen vererbt wird, spielt häufig der Wille zur Gerechtigkeit eine große Rolle. Doch was ist gerecht? Gesellschaftlich akzeptiert ist heute die Auffassung, dass Gerechtigkeit Gleichverteilung bedeutet. Diese Ansicht ist auch in unserer Gesetzgebung verankert.

(Frühere) Höfe-Ordnungen kennen hingegen auch das Anerbenrecht, bei dem nur ein (geeigneter) Nachfahre den Hof übernimmt. Die anderen Kinder gingen dann entweder leer aus oder wurden verhältnismäßig gering mit anderen Vermögensgegenständen abgefunden. Das Recht des Erstgeborenen (Primogenitur, auch Thronfolgeregelung) verengt dieses noch auf die Übertragung des Eigentums nicht nur als Ganzes, sondern ausschließlich auf den erstgeborenen Sohn ohne Überprüfung von dessen Eignung.

In einigen Regionen ist allerdings auch die Realteilung gebräuchlich, bei der jedes Kind einige der elterlichen Felder/ Wälder erhält, und daher die Höfe und der Grundbesitz immer kleiner werden.

Im Gegensatz dazu gibt es auch die Möglichkeit der Erbengemeinschaft. In diesem Falle wird der Besitz allen Nachkömmlingen zusammen hinterlassen. Dann erhält jeder Erbe einen bestimmten (gleichen) Anteil am ungeteilten Erbgegenstand, also an einem Haus, einem Hof, einem Kunstwerk oder einem Unternehmen.


Besonderer Hinweis für Unternehmerfamilien:

Fast alle Unternehmer/innen stehen irgendwann über kurz oder lang vor der schier unlösbar erscheinenden Aufgabe, ihr Unternehmen entweder zu Lebzeiten oder spätestens im Todes- also Erbfall an die (eigenen) Nachkommen übertragen zu müssen. Wendet man als Unternehmer das heute gesellschaftlich gebilligte Gerechtigkeitsprinzip der Gleichverteilung für die Erbfolgeregelungen an, so bedeutet dies, dass jeder erbberechtigte Nachkomme gleich viele Anteile am Unternehmen (Erbengemeinschaft) erhält und möglichst auch eine gleich machtvolle (Führungs-) Position im Unternehmen mit gleichem Salär.

Gerade wenn es darum geht, ein Unternehmen zu vererben, sollte aber der Gleichheitsgrundsatz nicht unbedingt die maßgebliche Triebfeder sein. Mitberücksichtigt werden sollten vielmehr auch die (fachlichen) Fähigkeiten, die (persönliche) Eignung sowie die Prüfung, ob die Nachkommen einen respektvollen und toleranten, harmonischen Umgang miteinander pflegen und sich als ergänzendes Team begreifen oder ob Konkurrenz und daraus resultierend gegenseitige Demontage, ständige Querelen, Zwist und Streit im Vordergrund der Beziehung stehen(1).

Befürchtet man konkurrierende Erben, denen es nicht möglich ist, das Unternehmen als Gemeinschaftsbesitz gemeinschaftlich zu führen/ verwalten, und will man das Unternehmen der Familie erhalten und zieht daher weder einen Verkauf oder eine Stiftungslösung noch das heute gesellschaftlich kaum akzeptierte bzw. stark begründungsbedürftige Anerbenrecht in Betracht, dann bietet die Realteilung (Aufspaltung einer Firma in mehrere selbständige Unternehmen) eine Möglichkeit, durch die Erbfolgeregelungen die Ziele von vielen Unternehmerfamilien zu verwirklichen, als da häufig sind: Erhalt des Unternehmens, angemessene Existenzsicherung für alle Nachkommen, harmonische Familienbeziehung.


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(1) Um dem Dilemma zu entgehen, dass man einerseits aus Gerechtigkeitsgründen die Gleichbehandlung aller Nachkommen, andererseits aber auch eine ungeteilte unternehmerische Entscheidungsgewalt wünscht, trennen einige Erblasser das Stimmrecht vom Besitzrecht und vererben das Unternehmen zwar zu gleichen Teilen an alle Kinder, übertragen aber die Stimmrechte allein auf das Kind, das auch die Unternehmensleitung übernimmt. Diese scheinbare ‚Lösung‘ des Gerechtigkeitsproblems birgt allerdings auch Gefahren, da hier sowohl die Nachteile des Anerbenrechts als auch die der Erbengemeinschaft zum Tragen kommen können und keinesfalls aufgehoben sind.

Weiterführende Literatur:

Ivens, Michael, Unternehmer- und Gesellschaftererbfolge Familienholding, Hamburger Handbuch zur Vermögensnachfolge Band 3, Verlag: Books on Demand, Norderstedt 2006, ISBN: 978-3-833453236

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