Familyness

Familyness

Eine Unternehmerfamilie kann eine große Chance für ein Familienunternehmen darstellen und damit dessen überproportionalen Erfolg begründen, genauso aber auch sein größtes Risiko ausmachen bzw. maßgeblich dessen Scheitern auslösen. Sie macht den Unterschied.

 

Zwei Fallbeispiele:
 
Gezänk GmbH & Co KG
In der Firma Gezänk GmbH & Co KG werden seit über 75 Jahren Elektrokleinteile hergestellt. Dafür sind 850 Mitarbeiter an drei Standorten beschäftigt. Die Produkte werden weltweit vertrieben. Der geschäftsführende Gesellschafter Gerhard Gezänk leitet die Firma zusammen mit einem angestellten Manager schon seit über 15 Jahren erfolgreich. Die Eigentümer der Gezänk GmbH & Co KG sind 12 Gesellschafter (alles Abkömmlinge des Firmengründers), die aufgrund unterschiedlicher Kinderzahl in den Vorgenerationen unterschiedlich große Anteile besitzen, aber bis auf Gerhard nicht in der Firma arbeiten und teilweise im Ausland leben.
Als aufgrund einer allgemeinen Wirtschaftskrise zwei Jahre hintereinander keine Ausschüttungen erfolgen und die ersten Gewinne nach der Erholung für Investitionen verwendet werden sollen, kommt es zum offenen Bruch und ein Gesellschafterstamm, der sich schon in guten Zeiten übervorteilt fühlte, entzieht Gerhard Gezänk das Vertrauen, indem er dessen Wiederwahl nicht zustimmt. Heftiger Streit bricht aus und in dessen Folge kommt es zu Entscheidungsblockaden bezüglich der dringend benötigten Investitionen und einer Verlagerung der Produktpalette auf moderne Produkte und damit zum unternehmerischen Stillstand. Die Firma kann nicht mehr erfolgreich agieren, weshalb die Konkurrenz die neuen Felder besetzt und damit der Umsatzrückgang im angestammten Bereich nicht aufgefangen werden kann. Schließlich werden immer höhere Verluste geschrieben und die einstmals sehr solide Firma muss Insolvenz anmelden.
 
Einig GmbH
Aus einer kleinen Polsterei entwickelte sich innerhalb von drei Generationen ein führender Matratzenhersteller. Als Robert Einig (4. Generation) das Unternehmen übernimmt, ist es am Markt gut eingeführt, und die Qualität der Produkte hoch geachtet. Allerdings ist die Produktion altmodisch und die Mitarbeiterschaft überaltert. Zum Ende der Führung durch die Vorgängergeneration gab es kaum mehr als kleine Produktveränderungen, geschweige denn echte Innovationen. Schnell stellt sich heraus, dass das Unternehmen auf eine katastrophale Schieflage zusteuert. Die Reserven sind bereits aufgezehrt. Der von der Hausbank beauftragte Gutachter kommt zu dem Schluss, dass eine Rettung nicht profitabel sei. Die Eigentümerfamilie (6 Geschwister und Cousins) ist schockiert und will nicht daran glauben, dass das von allen als etwas Besonderes und Einzigartiges empfundene Unternehmen abgewickelt werden soll. Robert Einig fühlt sich aufgerieben zwischen den Bankenforderungen, den Erwartungen der Familie und der Einsicht, das Unternehmen nicht aus eigener Kraft aus der Krise führen zu können.
Die Familie setzt sich zusammen und beratschlagt. Alle sind sich einig, dass sie noch nicht aufgeben wollen. Sie bestärken Robert, sich für einen bestimmten Zeitraum einen Krisenmanger ins Haus zu holen, der ihm dabei hilft, das Unternehmen zu sanieren. Dies wird von der Familie nicht als Unvermögen und Niederlage Roberts verstanden, sondern als Chance, sich besonderes Knowhow für eine extreme Ausnahmesituation einzukaufen. Außerdem sind alle Gesellschafter bereit, in der Sanierungsphase der Firma mit privatem Geld Kapital zur Verfügung zu stellen, das diese nirgendwo sonst und schon gar nicht zu solchen Bedingungen bekommen könnte.
Auch wenn zwischendurch einige Krisensituationen im Unternehmen und in der Familie zu bewältigen waren, so ist nach drei Jahren die Firma wieder gesund und kann erste kleine Gewinne verzeichnen. Der Krisenmanager steht nur noch als temporärer Berater im Hintergrund, und die Firma kann von Robert Einig und einem etwas verjüngten Mitarbeiterstab wieder selbständig geleitet werden.

 

Familyness:

Familienunternehmen haben gegenüber Publikumsgesellschaften einen nicht kopierbaren und reproduzierbaren oder imitierbaren Faktor: ihre Familyness.

Diese kann sowohl negativ als auch positiv wirken.

 

negativ:

Herrscht Streit und Uneinigkeit in der Familie (wie in vielen Familien und aufgrund der besonderen paradoxen Herausforderungen und Dilemmata  (→ Gerechtigkeit) in Unternehmerfamilien möglicherweise sogar besonders), dann kann/ wird sich die Familyness auf das Unternehmen negativ auswirken. Dann bedeutet Familyness Schwäche.

 

positiv:

Sind sich die Mitglieder der Unternehmerfamilie einig (wie es ebenfalls nur in Familien vorkommt: Blut ist schließlich dicker als Wasser) in ihren Zielen und tragen Meinungsverschiedenheiten konstruktiv aus, vertreten sie gemeinsam die gleichen Familienmaximen, dann kann/ wird die Familyness für ein Unternehmen möglicherweise zu einem entscheidenden unternehmerischen Vorteil. Familyness bedeutet dann Stärke.

 

Weiterführende Literatur:

  • Mühlebach, Corinne, Familyness als Wettbewerbsvorteil. Ein integrierter Stategieansatz für Familienunternehmen, Verlag: Haupt, Bern/ Stuttgart/ Wien 2004, ISBN 3-258068321

 

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