Family Office

Family Office

Familien mit größerem Gemeinschaftsbesitz (der in der Regel aus verschiedenen Vermögensgegenständen besteht) erkennen die Aufgabe, ihr Eigentum nicht einzeln, zersplittert und sich gegenseitig minimierend, sondern finanztechnisch, steuerlich und rechtlich gut abgesichert, also professionell, aufeinander abgestimmt und umfassend zu verwalten.

 

Fallbeispiel:
Fritz Reich gründete 1881 eine Weberei & Spinnerei und hinterließ seinen Nachkommen eine profitable Textilmanufaktur. Im Laufe von Generationen und geschickter Geschäftstätigkeit wurde daraus neben dem heute noch erfolgreichen Textilunternehmen auch eine Spedition, eine Beteiligung an einem Chemieunternehmen (Textilfarbenhersteller), eine Beteiligung an einer Bekleidungsfirma (bekanntes Modelabel), diverse Aktienpakete, verschiedene selbst- und fremdgenutzte Immobilien, eine Kunstsammlung, Weinberge sowie Forst.
Die Eigentümerfamilie Reich besteht aus 37 Verwandten, die alle von Fritz Reich, dem Gründer der Textilmanufaktur, abstammen. Einige leben in Kanada, andere sind in Spanien verheiratet, manche wohnen noch am selben Ort wie Fritz Reich. Nicht mehr alle Groß- und Urgroßcousins kennen sich. Trotzdem besitzen sie als Erbengemeinschaft die Reich’schen Vermögenswerte in unterschiedlichen Anteilsgrößen, da die verschiedenen Stämme unterschiedlich kinderreich waren und die Anteile nach unterschiedlichen Regeln vererbt wurden (→ Erbfolgeregelungen).
Mittlerweile sind die Voraussetzungen der Einzelnen so unterschiedlich, dass es schwierig wird, die heterogenen Bedürfnisse zu koordinieren. Das beginnt bei der unterschiedlichen Besteuerung in den verschiedenen Ländern und endet bei den differierenden Vorstellungen, die die einzelnen Eigentümer haben, was man mit dem ererbten Besitz tun und wie man mit ihm richtig umgehen soll.
Um Streit zu vermeiden und um das gemeinsame Vermögen nicht durch Interessensdivergenzen zu schmälern, kommen die Nachkommen Reich überein, ihr gemeinsames Vermögen auch gemeinsam zu verwalten – zum Wohle des gesamten Besitzes aber auch zum Wohle der Einzelnen.

 

Gründe für die Etablierung:

Die Einrichtung eines Family Office ist dann sinnvoll, wenn das (diversifizierte) Vermögen einer Familie ganzheitlich verwaltet werden soll und daher eine Bündelung und Koordination der verschiedenen Finanz-, Steuer-, Rechts- und Investmentdienstleistungen erfolgen muss. Auslöser ist häufig der Wunsch nach professionellem Vermögensmanagement, der oft aus dem Unmut und dem Vorwurf an Banken erwächst, nicht die Ziele des Vermögensinhabers sondern den bankeigenen Profit zu priorisieren. Außerdem kann ein Family Office durchaus dazu beitragen, den Zusammenhalt der Familie zu stärken und Konflikte der Familienmitglieder untereinander zu vermeiden.

 

Kernleistungen:

Im Zentrum der Aufgaben eines Family Office steht eine Vermögensverwaltung, die die persönlichen, familiären, finanziellen und unternehmerischen Ziele der Vermögensinhaber verzahnt. Dabei müssen bei der Planung, Strukturierung, Kontrolle und Umsetzung nicht nur finanztechnische Gesichtspunkte berücksichtigt werden, sondern auch die rechtlichen und steuerlichen.

Um keine Divergenzen entstehen zu lassen, sollte eine Familie mit gesamtheitlichem Anspruch die Vererbung regeln. Auch bei der Ausarbeitung dieser Erbfolgeregelungen sowie bei der Erstellung und der regelmäßigen Anpassung entsprechender Testamente und der Erarbeitung der daraus resultierenden steuerlichen Auswirkungen übernimmt ein Family Office wichtige Aufgaben.

 

Sonstige Leistungen:

Das Family Office ist Bindeglied zwischen den Vermögensinhabern und externen Dienstleistern (Wirtschaftsprüfer, Anwälte, Anlagenexperten).

Genauso kann es aber auch als Vermittler zwischen einzelnen Familienmitgliedern auftreten. Es kann den Zusammenhalt untereinander stärken, indem es als Moderator fungiert und dabei hilft, gemeinsame Ziele zu formulieren oder gar als Mediator oder einfach als neutraler Dritter, wenn bereits Konflikte vorhanden sind.

Darüber hinaus übernehmen viele Family Offices auch das LifestyleManagement der Familienmitglieder. Dies kann von der Beschaffung von Haushaltshilfen über Urlaubsbuchungen bis hin zur Organisation von Festen oder der Erledigung der Ablage von privaten Kontoauszügen oder der Privatkorrespondenz reichen.

 

Arten von Family Offices:

Wenn eine Familie erkennt, dass sie mehr als eine reine Vermögensverwaltung oder ein reines Privatsekretariat benötigt, dann bieten sich zwei Möglichkeiten an:

Ein Single Family Office ist von einer einzelnen Familie eingerichtet. Je nach den speziellen Bedürfnissen wird das Büro sowohl in Bezug auf die Anzahl der Mitarbeiter also auch auf deren Kompetenzen ganz individuell besetzt. Es hat die Aufgabe nur diese Familie und ihr Vermögen höchst persönlich zu betreuen. Es ist genau auf die Bedürfnisse der Familie zugeschnitten und die Familie hat volle Transparenz und Kontrolle in Bezug auf Personal, Leistung und Ausrichtung. Allerdings ist ein Single Family Office nur bei sehr großen Familienvermögen sinnvoll, da das gesamte Personal als auch die gesamte Technik und Büroinfrastruktur finanziert werden müssen.

Ein Multi Family Office betreut mehrere vermögende Familien. Es kann daher nur bedingt individuell handeln. Allerdings werden die Kosten für Infrastruktur und Personal geteilt, wenngleich zusätzlich Kosten für den ‚Vertrieb‘ entstehen, da ein Multi Family Office seine Leistungen auch anderen Vermögensinhabern anbieten muss. Multi Family Offices werden von neutralen Institutionen genauso angeboten wie von Bankhäusern. Da die Vermögensverwaltung zu ihrem Kerngeschäft zählt, sind Banken hier möglicherweise den anderen Institutionen überlegen, allerdings leiden darunter in der Regel die individuelle Betreuung sowie die Neutralität.

 

Weiterführende Literatur:

 

Family Office © DRUCKVERSION